Die Lebensweise der Wanderratte

Die Wanderratte (Rattus norvegicus) ist eines der erfolgreichsten und anpassungsfähigsten Säugetiere der Erde. Obwohl sie von vielen Menschen als Schädling betrachtet wird, ist sie ein bemerkenswertes Beispiel für Überlebenskunst, Intelligenz und Anpassungsfähigkeit. Ursprünglich aus Ostasien stammend, hat sie im Laufe der Jahrhunderte fast alle Kontinente besiedelt und begleitet den Menschen seither als sogenannter Kulturfolger.

Systematik und Herkunft

Die Wanderratte gehört zur Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) und zur Gattung Rattus. Ihr wissenschaftlicher Name, Rattus norvegicus, wurde im 18. Jahrhundert geprägt, weil man irrtümlich annahm, sie wäre über Norwegen nach Mitteleuropa gelangt. Tatsächlich stammt sie ursprünglich aus der Mandschurei in Nordostchina. Ihre Verbreitung verdankt sie vor allem der Seeschifffahrt: Bereits im 18. Jahrhundert breitete sie sich weltweit aus und verdrängte in vielen Regionen die Hausratte (Rattus rattus).

Äußere Merkmale

Wanderratten sind mittelgroße Nagetiere mit einem kräftigen, gedrungenen Körperbau. Erwachsene Tiere erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 20 bis 27 Zentimetern, hinzu kommt ein fast ebenso langer, schuppiger Schwanz. Das Körpergewicht schwankt meist zwischen 200 und 500 Gramm. Ihr Fell ist meist graubraun bis dunkelbraun gefärbt, die Unterseite heller. Die Ohren sind relativ klein und werden von feinen Haaren bedeckt. Markant sind auch die scharfen Nagezähne, die lebenslang wachsen.

Lebensraum und Verbreitung

Wanderratten sind Meister der Anpassung und besiedeln unterschiedlichste Lebensräume. Ursprünglich bevorzugten sie feuchte Gebiete in Fluss- oder Seenähe. Heute findet man sie in Städten, Dörfern, Lagerhäusern, Kanälen, Abwassersystemen, landwirtschaftlichen Betrieben, auf Müllhalden und sogar auf Schiffen. Ihre enorme Anpassungsfähigkeit ermöglichte ihnen, selbst unter extremen Bedingungen zu überleben – von tropischen Regionen bis in boreale Wälder und sogar in der Arktis.

Ernährung

Als klassische Allesfresser sind Wanderratten nicht wählerisch. Sie ernähren sich von Getreide, Obst, Gemüse, Samen, Insekten, Fisch, Fleisch, Eiern und Abfällen. In städtischen Gebieten leben sie oft von menschlichen Nahrungsresten, in ländlichen Regionen von Feldfrüchten und Kleintieren. Ihr vielseitiger Speisezettel trägt maßgeblich zu ihrem Erfolg als Kulturfolger bei. Zudem sind sie in der Lage, giftige oder verdorbene Nahrung teilweise zu erkennen und zu meiden.

Fortpflanzung und Lebenszyklus

Die Vermehrungsrate der Wanderratte ist beeindruckend. Ein Weibchen kann im Jahr bis zu sieben Würfe mit jeweils sechs bis zwölf Jungtieren zur Welt bringen. Nach einer Tragzeit von etwa 21 bis 24 Tagen kommen die nackten, blinden Jungen zur Welt. Bereits nach wenigen Wochen sind diese selbstständig und geschlechtsreif. In freier Wildbahn werden Wanderratten selten älter als ein Jahr, in Gefangenschaft hingegen können sie bis zu drei Jahre alt werden.

Sozialverhalten und Intelligenz

Wanderratten sind ausgesprochen soziale Tiere. Sie leben in hierarchisch organisierten Gruppen mit einer klaren Rangordnung. Innerhalb der Gruppe spielen gegenseitige Fellpflege, gemeinsames Fressen und das Aufziehen der Jungen eine wichtige Rolle. Ratten verfügen über eine hohe Intelligenz und ein ausgeprägtes Lernvermögen – sie können komplexe Aufgaben lösen, Werkzeuge nutzen und sich an wechselnde Bedingungen anpassen. Diese Fähigkeiten werden auch in der Forschung genutzt, etwa beim Erlernen von Labyrinthen.

Kommunikation und Sinne

Die Kommunikation der Wanderratten erfolgt über vielfältige Kanäle: Sie nutzen Lautäußerungen im Ultraschallbereich, Duftstoffe (Pheromone), Körpersprache und Berührungen. Besonders ausgeprägt sind Geruchssinn und Tastsinn (vor allem durch die Schnurrhaare). Auch das Hör- und Sehvermögen ist gut entwickelt, wobei sie besonders nachtaktiv sind und sich bei Dunkelheit hervorragend zurechtfinden.

Die Wanderratte im urbanen Raum

In Städten ist die Wanderratte allgegenwärtig. Sie lebt in Kanalisationen, Bahnhöfen, U-Bahn-Schächten, Hinterhöfen und Müllplätzen. Ihr Auftreten ist für viele Menschen unangenehm, da sie als Krankheitsüberträger und Hygienerisiko gilt. Tatsächlich können Wanderratten verschiedene Krankheitserreger, wie Leptospiren, Salmonellen, Hantaviren oder das Bakterium Yersinia pestis (Erreger der Pest), auf Menschen und Haustiere übertragen. Dennoch spielt sie auch eine Rolle beim Abbau organischer Abfälle und trägt so zur Müllbeseitigung bei.

Bedeutung für Wissenschaft und Gesellschaft

Wanderratten sind nicht nur Schädlinge, sondern auch wichtige Modellorganismen in der biomedizinischen Forschung. Sie helfen, Krankheiten zu untersuchen, Medikamente zu testen und das Verhalten von Säugetieren besser zu verstehen. Viele Erkenntnisse aus der Hirnforschung, Pharmakologie und Psychologie beruhen auf Studien mit Wanderratten. Auch als Heimtiere erfreuen sie sich zunehmender Beliebtheit, da sie intelligent, zutraulich und lernfähig sind.

Natürliche Feinde und Gefahren

Zu den natürlichen Feinden der Wanderratte zählen Greifvögel, Füchse, Marder, Katzen und Hunde. In Städten ist der Mensch durch Bekämpfung und Vergrämungsmaßnahmen ihr größter Widersacher. Dennoch gelingt es ihnen immer wieder, sich neuen Herausforderungen anzupassen und ihre Population zu erhalten.

Lammering H&P, Schädlingsbekämpfung, Herten