Die Lebensweise der Mittleren Wespe
Die Mittlere Wespe (Dolichovespula media) gehört zur Familie der Faltenwespen (Vespidae) und ist in Europa, insbesondere Mitteleuropa, weit verbreitet. Sie wurde erst 1963 als eigene Art beschrieben, was auf ihre erst allmählich zunehmende Verbreitung in Siedlungsnähe zurückzuführen ist. Sie unterscheidet sich durch ihr auffälliges Muster aus Schwarz und Gelb, ihre mittlere Grösse und ihr vergleichsweise friedliches Sozialverhalten von anderen, bekannteren Wespenarten wie der Deutschen oder der Gemeinen Wespe.
Körperbau und Erkennungsmerkmale
Die Mittlere Wespe erreicht eine Körperlänge von etwa 14 bis 18 mm bei Arbeiterinnen und bis zu 22 mm bei Königinnen. Männchen (Drohnen) sind meist etwas kleiner als die Königin, aber grösser als die Arbeiterinnen. Auffällig ist die gelbliche Stirnzeichnung, hinter der sich breite, schwarze Bänder auf dem Hinterleib anschliessen. Die Fühler sind schwarz, bei den Männchen jedoch an der Unterseite gelb. Die Flügel schimmern leicht bräunlich.
Verbreitung und Lebensraum
Die Mittlere Wespe bevorzugt lichte, strukturreiche Lebensräume, wie Waldränder, Gärten, Parks oder Streuobstwiesen. Sie ist aber auch in offenen Landschaften zu finden, solange es genügend Nistmöglichkeiten und Nahrungsquellen gibt. Ursprünglich war sie vor allem in Wäldern Mitteleuropas zuhause, hat sich aber seit einigen Jahrzehnten erfolgreich an menschliche Siedlungen angepasst. Ihre Nester sind oft in Büschen, kleinen Bäumen oder am Dachvorsprung von Gebäuden zu finden, aber auch in Hecken oder – seltener – in hohlen Baumstämmen.
Sozialstruktur und Nestbau
Die Mittlere Wespe ist eine staatenbildende Art. Die Kolonie besteht aus einer Königin, zahlreichen Arbeiterinnen und männlichen Drohnen. Der Zyklus eines Staates beginnt im Frühjahr, wenn die begattete Jungkönigin nach der Winterruhe ein neues Nest gründet. Sie sucht einen geeigneten Ort, fertigt die ersten Waben aus zerkautem Holz und legt die ersten Eier.
Zu Beginn versorgt die Königin die Larven selbst und baut das Nest weiter aus. Sobald die ersten Arbeiterinnen geschlüpft sind, übernehmen diese die weitere Versorgung der Brut, den Ausbau und Schutz des Nestes sowie die Futtersuche. Die Königin konzentriert sich nun auf das Eierlegen. Ein Staat kann im Laufe des Sommers bis zu 500 Individuen umfassen, ist jedoch meist kleiner als die von Gemeinen oder Deutschen Wespen.
Das Nest besteht aus einer papierartigen Substanz, die durch das Zerkauen von Holz mit Speichel entsteht. Die typische ovale bis kugelige Form ist von hellen und dunklen, oft marmorierten Schichten durchzogen. Die Nester hängen meist frei und sind an einem schmalen Stiel befestigt.
Jahreszyklus und Entwicklung
Im Frühling verlässt die junge, bereits im Vorjahr begattete Königin ihr Winterquartier. Nachdem sie ein geeignetes Nest angelegt und die ersten Arbeiterinnen herangezogen hat, wächst das Volk rasch. Bis zum Hochsommer ist der Staat am grössten. Jetzt werden auch die Geschlechtstiere, also junge Königinnen und Drohnen, herangezogen.
Im Spätsommer, etwa ab Ende August, werden die Jungköniginnen und Männchen ausgebildet. Nach dem Hochzeitsflug sterben die Drohnen sowie die alte Königin und alle Arbeiterinnen ab. Nur die begatteten Jungköniginnen überwintern, meist in lockerem Totholz, Rindenspalten oder in der Erde.
Ernährung und Nahrungsökologie
Die Mittlere Wespe ist ein wichtiger Nützling im Naturhaushalt. Arbeiterinnen und Larven ernähren sich hauptsächlich räuberisch: Sie jagen Insekten wie Fliegen, Mücken, Blattläuse, Raupen und andere Schadinsekten, die sie zerkleinern und als proteinreiche Nahrung an die Brut verfüttern. Ausserdem nehmen die erwachsenen Tiere (Imagines) Kohlenhydrate in Form von Nektar, Baumsaft, Fallobst oder den süssen Sekreten von Blattläusen auf.
Für Menschen ist die Mittlere Wespe weniger aufdringlich als andere Wespenarten, da sie kaum Interesse an menschlicher Nahrung wie Limonade, Kuchen oder Fleisch zeigt. Sie ist friedfertiger und verteidigt ihr Nest meist nur bei direkter Bedrohung.
Fortpflanzung und Jungköniginnen
Im Spätsommer verlassen die Jungköniginnen und Drohnen das Nest, um sich zu paaren. Nach der Begattung suchen die Jungköniginnen einen geschützten Ort zur Überwinterung. Die Drohnen sterben kurz nach der Paarung. Im nächsten Frühjahr beginnt der Zyklus von Neuem: Nur die Jungköniginnen überleben den Winter und gründen im Folgejahr einen neuen Staat