Die Lebensweise der Rötelmaus
Die Rötelmaus (Myodes glareolus), auch als Bank- oder Waldwühlmaus bekannt, ist ein kleines, aber faszinierendes Nagetier, das in vielen Teilen Europas und Asiens heimisch ist. Ihre Anpassungsfähigkeit, ihre Rolle im Ökosystem sowie ihr bemerkenswertes Sozialverhalten machen sie zu einem spannenden Forschungsobjekt.
Lebensraum und Verbreitung
Die Rötelmaus bevorzugt feuchte, strukturreiche Lebensräume, wie Laub- und Mischwälder, Gebüsche, Hecken, Waldränder sowie feuchte Wiesen. Sie ist in beinahe ganz Europa verbreitet, von den Britischen Inseln über Skandinavien bis nach Südeuropa, und erstreckt sich weit nach Osten bis nach Sibirien und in Teile Chinas. Auch in höheren Lagen, etwa in den Alpen, ist sie anzutreffen, solange genügend Bodenbedeckung und Versteckmöglichkeiten vorhanden sind.
Die Tiere legen kleine, gut versteckte Baue im Boden an, oft unter Wurzeln, Steinen oder verrottendem Holz. Diese Baue bestehen aus einem verzweigten Gangsystem mit mehreren Ausgängen und einer oder mehreren Nestkammern. Die Nester werden sorgfältig mit Moos, Gras und Laub ausgepolstert. Zeitweise nutzen Rötelmäuse auch natürliche Höhlungen oder verlassenes Geäst als Unterschlupf.
Äußere Merkmale
Die Rötelmaus ist mit einer Kopf-Rumpf-Länge von etwa 9 bis 12 Zentimetern, einer Schwanzlänge von etwa 3,5 bis 6 Zentimetern und einem Gewicht von 15 bis 35 Gramm ein recht kleiner Waldbewohner. Ihr Fell ist auf dem Rücken typisch rötlichbraun gefärbt, während die Flanken heller und der Bauch weißlich-creme erscheinen. Die Ohren sind rundlich und relativ groß, die Augen prominent – beides Anpassungen an ihre dämmerungs- und nachtaktive Lebensweise.
Aktivität und Verhalten
Rötelmäuse sind vorwiegend dämmerungs- und nachtaktiv, das heißt, sie verlassen ihre schützenden Baue vor allem in der Morgendämmerung und in den Abendstunden auf der Suche nach Nahrung. Während des Tages ziehen sie sich meist in ihre Nester zurück. Bei hoher Populationsdichte oder günstigen Umweltbedingungen kann man sie jedoch auch tagsüber beobachten.
Das Territorium einer Rötelmaus ist meist relativ klein und wird von einem oder wenigen Tieren genutzt. Die Reviergröße variiert je nach Nahrungsangebot und Lebensraum, beträgt aber meist nur wenige hundert Quadratmeter. Männchen besitzen während der Fortpflanzungszeit größere Reviere als Weibchen, da sie auf der Suche nach paarungsbereiten Partnerinnen weite Strecken zurücklegen.
Ernährung
Die Rötelmaus ist ein typischer Allesfresser (Omnivore), wobei pflanzliche Nahrung den Hauptanteil bildet. Zu ihrem Speiseplan gehören:
· Sämereien und Samen (beispielsweise von Buche, Hasel und Eiche)
· Gräser, Kräuter und Blätter
· Beeren und Früchte
· Wurzeln und Knollen
· Rindenstücke und Pilze
Doch auch tierische Kost wird nicht verschmäht. Besonders im Frühjahr und Sommer ergänzt die Rötelmaus ihre Nahrung mit Insekten, Larven, Spinnen, Schnecken und gelegentlich kleinen Würmern. Die Fähigkeit, sich flexibel an das jahreszeitlich wechselnde Nahrungsangebot anzupassen, trägt entscheidend zu ihrer weiten Verbreitung bei.
Rötelmäuse legen Vorräte an, vor allem im Herbst, wenn Samen und Nüsse reichlich vorhanden sind. Sie transportieren diese in ihren Backentaschen und verstecken sie in kleinen Depots in ihren Bauen oder an anderen geschützten Stellen.
Fortpflanzung und Entwicklung
Die Fortpflanzungszeit der Rötelmaus erstreckt sich in Mitteleuropa in der Regel von März bis Oktober, wobei sie in wärmeren Regionen und in Jahren mit milden Wintern noch länger andauern kann. In dieser Zeit können die Weibchen bis zu vier oder fünf Würfe mit jeweils drei bis neun Jungtieren zur Welt bringen.
Nach einer Tragzeit von etwa drei Wochen kommen die Jungen nackt und blind zur Welt. Sie werden im gut ausgepolsterten Nest in einer der Kammern des Baues geboren. Schon nach wenigen Tagen wachsen ihnen Haare, die Augen öffnen sich nach etwa einer Woche, und nach rund zwei Wochen beginnen sie, feste Nahrung aufzunehmen. Nach etwa drei bis vier Wochen sind die jungen Rötelmäuse selbstständig und können das Nest verlassen. Die Geschlechtsreife wird, abhängig von Umweltbedingungen, bereits nach sechs bis acht Wochen erreicht.
Die hohe Fortpflanzungsrate ist ein wichtiger Überlebensvorteil, da Rötelmäuse vielen Gefahren und Feinden ausgesetzt sind.
Sozialverhalten und Kommunikation
Obwohl Rötelmäuse keine ausgeprägten Sozialstrukturen wie beispielsweise Hausmäuse oder Wanderratten aufweisen, tolerieren sie besonders in Zeiten reichen Nahrungsangebots und hoher Populationsdichte die Nähe von Artgenoss*innen. Dennoch verteidigen sie ihr Revier gegen Eindringlinge, vor allem in der Fortpflanzungszeit.
Zur Kommunikation nutzen Rötelmäuse verschiedene Lautäußerungen wie Quieken und Zwitschern, aber auch Duftmarken, die sie mit Drüsensekreten setzen. Besonders die Revierränder werden markiert, um Artgenoss*innen zu signalisieren, dass das Gebiet bereits besetzt ist. Zudem spielen Körperkontakt, wie gegenseitiges Putzen, und optische Signale eine Rolle.
Feinde und Gefahren
Rötelmäuse stehen am unteren Ende der Nahrungskette und sind daher eine wichtige Nahrungsquelle für zahlreiche Raubtiere. Zu ihren natürlichen Feinden zählen:
· Eulen und Greifvögel wie Waldkauz, Schleiereule oder Mäusebussard
· Füchse, Marder, Wieseln und Katzen
· Schlangen
Auch Parasiten, Krankheiten und harte Winter setzen den Populationen zu. Der Mensch greift indirekt durch Lebensraumverlust, intensive Landnutzung und den Einsatz von Pestiziden in die Lebensbedingungen der Rötelmaus ein.
Überlebensstrategien
Die Rötelmaus hat verschiedene Strategien entwickelt, um den zahlreichen Gefahren ihres Lebens zu begegnen. Ihre wichtigsten Verteidigungsmechanismen sind eine gute Tarnung durch das Fell, flinke Bewegungen, das Anlegen komplexer Baue mit mehreren Fluchtwegen und ihr ausgeprägtes Fluchtverhalten. Bei Gefahr verharrt sie zunächst reglos und flüchtet dann blitzschnell in den nächsten Unterschlupf.
Die hohe Reproduktionsrate dient ebenfalls als Überlebensstrategie, um Verluste durch Fressfeinde und andere Gefahren auszugleichen. In Jahren mit guten Umweltbedingungen kann die Population daher rasant ansteigen und so die Bestände der Fressfeinde unterstützen.
Bedeutung im Ökosystem
Die Rötelmaus spielt eine zentrale Rolle im Ökosystem Wald. Sie trägt durch das Verbreiten von Samen und Sporen zur Regeneration des Waldes bei, beeinflusst die Vegetationsstruktur und ist ein Bindeglied in der Nahrungskette. Durch ihre Vorratstätigkeit hilft sie, neue Pflanzenbestände zu schaffen, und als Beutetier unterstützt sie die Populationen zahlreicher Raubtiere.
Der Mensch und die Rötelmaus
Für den Menschen ist die Rötelmaus vor allem aus zwei Gründen von Bedeutung: Zum einen kann sie als Überträgerin des Hantavirus auftreten, einer Krankheit, die durch Kontakt mit Ausscheidungen der Maus auf den Menschen übertragen werden kann. Besonders betroffen sind dabei Personen, die mit Holz, Laub oder Stallungen arbeiten. Zum anderen spielt die Rötelmaus eine Rolle in der Forstwirtschaft, da sie gelegentlich Jungbäume und Wurzeln annagt.
Gleichzeitig ist sie aber auch ein wichtiger Indikator für die Gesundheit von Ökosystemen – wo Rötelmäuse leben, ist meist auch eine hohe Biodiversität gegeben.